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Reflexionen über Cioran


"Das Paradoxe meines Lebens ist, daß ich eine Leidensschaft für die Existenz habe, zugleich aber alle meiner Gedanken gegen das Leben richte. Ich habe von Anfang an die Negative Seite des Lebens gespürt und gefühlt, daß alles leer ist."

(Cioran, Syllogismen der Bitterkeit)

Es ist fast eine Notwendigkeit des Denkens, wenn man über einen Philosoph spricht, einen Satz zu verwenden, der seinen Denkraum definieren kann oder für ihn relevant ist: Cioran ist ein Privatdenker, der sich zwischen die Extremen des Lebens bewegt hat: Geburt und Tod. Es handelt sich um ein Denken, dessen Objektivation das Schreiben aus therapeutischen Gründen war. Doch man merkt es sofort, daß so eine Phrase nicht als Resümee seiner Philosophie dienen kann. Es ist im Allgemeinen so, daß verschiedene Kommentare - selbst wenn es um eine Exegese geht - nur teilweise eine Philosophie beleuchten können.

Die philosophische Aktivität: das Lesen und das Schreiben dienten für Cioran als ein Instrument, das die Selbstvergessenheit ermöglicht hat. Seine Fixe Idee von allem war das Ende, seine Obsession war der Selbstmord und die Dekadenz. Alle diese Instanzen sind Pflanzen aus dem Garten seiner Schlaflosigkeit. Es sollten also nicht als Gift des Seins, sondern als Medikamente seiner Apotheke verstanden werden. Ein Philosoph, der aus "den Gipfeln der Verzweiflung" "vom Nachteil geboren zu sein" geschrieben hat, müßte also eine pessimistische Einstellung haben. Ja, diese Einstellung ist der Hintergrund seiner Ironie und seines Lachens.

Ciorans Weltanschauung reduziert sich im Grunde auf eine einzige Idee: das Leben hat keinen objektiven Sinn und auch keine transzendente Finalität . Sein ganzes Werk ist ein "Buch der Täuschungen" , in dem die Illusion nie ein Platz finden wird.

Nach Cioran ist die Nüchternheit die größte Eigenschaft eines Philosophen, also gerade das Gegenteil von dem, was die Illusion ausmacht. Derjenige, der das Drama des Bewußtseins nicht erfahren hat, ist definitiv ein naiver Mensch. Das Problem des Bewußtseins ist das Grundproblem der Philosophie. Die Schlaflosigkeit als Manifestation des extremen Bewußtseins war für unseren Philosophen eine Offenbarung, die Ihm unter anderem klar gemacht hat, daß der Mensch zu schwach ist, um das geistige Wachsein ertragen zu können. Die Welt der Schlafenden ist die Welt, in der die Illusion möglich ist.

Wenn man seine Aphorismen, Fragmente und Essays aus einer rein theoretischen Perspektive betrachtet, so könnte man sagen, daß jenseits vom Stil und Ausdrucksform Cioran Ideenarm sei. Doch aus der Perspektive eines intensiven Leben sind alle seine Bücher die reinste Verkörperung eines desillusionierten Ich. Nichts war Ihm so nah, als die Religion der absoluten Freiheit. Das philosophische System ist aus diesem Grund unvorstellbar.

Nicht nur die französische Sprache, sondern das Schreiben selbst ist Therapie und Befreiung. Das scheint für Cioran der einzige Grund zu sein, warum es überhaupt einen Sinn hat, zu schreiben. Weil es sich nicht um ein logisch-diskursives Denken handelt, ist das fragmentarische Schreiben, das einzige, das den Vorteil einer ständigen Mobilität hat. Cioran ist kein Sprachschöpfer wie Heidegger zum Beispiel, er bewegt sich im Horizont einer Sprache, deren Worte nur durch den Kontext eine philosopische Dimension haben. Hier können die traditionelle Konzepte der Philosophie keine Kariere machen.

1Hier wurde das Buch mit dem Titel Aus den Gipfeln der Verzweiflung gemeint. Frankfurt a. M. 1989.
2Vom Nachteil Geboren zu sein, Wien/München/Zürich 1977.
3Das Buch der Täuschungen, Frankfurt a. M. 1990.

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©2002Cosmin Neidoni